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Ausflug in den Frühling:
Bericht zum 23. BMW Malta Marathon
24. Februar 2008

Von Sebastian "Inselläufer" Lüning

Ergebnislisten hier

 

Der Winter in Deutschland zieht sich in die Länge. Sicher, er ist vielleicht nicht mehr so hart wie in den guten alten Zeiten. Aber es ist schon lästig, sich mühselig vor jedem kleinen Joggingtrab mehrere Textilschichten überzustreifen. Und noch lästiger ist es dann nach getanem Auslauf, dieselben Klamotten der Waschmaschine bzw. Wäscheleine zuzuführen. Glücklich kann sich schätzen, wer seinen Trainingseifer auch an besonders grau-nassen Tagen aufrecht erhalten kann. Wann wird es endlich wieder Sommer? Wann kann das Läuferbein endlich wieder unverpackt an der frischen Luft ausführt werden? Auch Ende Februar ist ein Ende der Kühle nicht in Sicht. Aber halt. Es gibt doch auch noch den sonnigen Süden. Und den Malta-Marathon als Vorboten den Frühlings.

Bevor ich nach Malta reiste, wußte ich herzlich wenig über diese Mittelmeerinsel, die irgendwo südlich von Sizilien liegt, etwa eine halbe Flugstunde vor der nordafrikanischen Küste. Im Prinzip handelt es sich um einen 30 mal 15 km großen, ziemlich kahlen Kalkfelsen. Dazu kommt noch eine kleinere Nachbarinsel namens Gozo und etliche andere vernachlässigbar kleine meerumtoste Gesteinsbrocken (wenn man mal Comino außen vor läßt). Auf dieser kleinen Fläche leben etwa 400.000 Menschen, was in etwa der Einwohnerzahl von Bochum oder von halb Köln entspricht. Malta hat damit die sechsthöchste Bevölkerungsdichte der Welt. Und dies hat zur Folge, dass die Insel ziemlich zugebaut, eng und laut ist. Freunde der weiten, unberührten Natur sollten um Malta daher eher einen weiten Bogen machen. Auch für Läufer ist es ziemlich schwierig, geeignete Trainingsstrecken zu finden, die nicht durch zahlreiche und verkehrsreiche Seitenstraßen unterbrochen sind.

 

Liebhaber von Kultur und Geschichte hingegen, werden Malta lieben. Aufgrund der abgelegenen Lage, fühlte sich im Laufe der Zeit wohl jeder mal als Eigentümer für die Insel zuständig. Eigentlich waren alle einmal kürzer oder länger dort: Neolithische Steinzeitmenschen, libanesische Phöniker, germanische Vandalen, Aghlabiden-Araber, nordfranzösische Normannen, deutsche Staufer und seefahrende Spanier. Der Orden der Johanniter prägte die Insel ganz besonders, verwaltete er Malta doch 270 Jahre lang, bis Napoleon die Johanniter-Ritter 1798 nach Rußland verjagte. Die Altstädte von Valetta und Medina sind wahre Freilichtmuseen mit zahlreichen faszinierenden Bauten aus dieser Zeit. Ab 1800 wurde Malta britische Kolonie. 1955 gefiel den Maltesern das angelsächsische Leben dann so sehr, dass sie beantragten, Teil Großbritanniens zu werden. London jedoch lehnte dankend ab. So wurde Malta 1964 schließlich unabhängig, ist seit 2004 in der EU und seit ein paar Wochen sogar mit Euros ausgestattet.

 

 

Eine von den 400 Kirchen auf Malta

Mehrere Male im Laufe des Winters fiel mir die Ausschreibung des Malta Marathons in die Hände. Ein „Lauf in den Frühling“ klang verlockend. Eine Anmeldung unterließ ich jedoch jedesmal bewußt, war ich doch die meiste Zeit des Winters durch diverse Verletzungen außer Gefecht gesetzt. Mitte Januar stieg ich schließlich wieder ins Training ein – und die Knochen hielten endlich. Ein paar Stunden vor Meldeschluß schrieb ich mich für den Malta Marathon ein. Auf der gut gepflegten Webseite des Veranstalters ( www.maltamarathon.com ) gab es reichlich Informationen. Ich erschrak kurz als ich las, dass offiziell nur Schecks als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Und Schecks hatte ich als digitaler IBAN/BIC-Mensch gar nicht mehr. Sollte es hieran scheitern? Eine kurze Email an den Race Director Joe Micallef löste das Problem umgehend, der mir freundlicherweise noch am gleichen Abend die elektronischen Bankdaten per email mitteilte.

Die Flüge konnten gebucht werden. Als Bremer nutzten wir den Heimvorteil des vor kurzem neu entstandenen Ryanair Drehkreuzes in der Hansestadt. Für unsere dreiköpfige Familie kosteten die Flüge nach Malta dann satte drei cents hin, und drei cents zurück. Hinzu kamen noch ein paar Gepäck-/Kreditkarten-/Eincheck-etc-Gebühren, so dass sich der Endpreis leider noch um dreitausend Prozent erhöhte – was aber zugegebenermaßen auch noch ziemlich billig war. Auch das günstige Viersternehotel fand ich im Cyberspace. Letztendlich war die Woche auf Malta fast günstiger als wenn wir sie zuhause verbracht hätten (-; Besonders der sehr ökonomische Hotel-Halbpensionsdeal machte meine Frau sehr hellhörig und veranlaßte sie zu seltsamen Vermutungen bezüglich der zu erwartenden Wohnqualität. Natürlich völlig unbegründet.

Das Training bis zur Abreise verlief ordentlich. Am letzten Wochenende vor Abflug versuchte ich mich an einem langen Lauf von 24 km. Traurigerweise war bereits nach zwei Dritteln der Strecke der Ofen ziemlich aus und ich schleppte mich langsam die restlichen Kilometer nach Hause. Ein ordentliches Training ist halt durch nichts zu ersetzen. Die Marschrichtung für Malta war damit klar: Den Lauf bei moderatem Tempo anständig zuende bringen. Immerhin war ich die verschiedenen Verletzungen des Winters nun dauerhaft los, was einen längerfristigen Aufbau Richtung Frühling hoffentlich möglich machen sollte.

Drei Tage vor dem Marathonlauf erreichten wir Malta. Das Thermometer zeigte 18°C, es war zunächst noch etwas bedeckt, dann kam aber doch noch die Sonne heraus. Man hatte uns nicht zuviel versprochen. Und die Sonne wurde im Laufe unseres Aufenthaltes auch noch immer wärmer und erreichte fast frühsommerliche Temperaturen, wenn man mal heimische Maßstäbe anlegt. Die letzten Trainingsläufe vor dem Rennen absolvierte ich auf Malta bereits in kurzer Hose und T-Shirt. Allein hierfür hatte sich die Reise bereits gelohnt. Jeweils morgens rannte ich ein bisschen um die Salinen-Bucht vor unserem Hotel, auf schmalen Bürgersteigen entlang der Straße, umbraust vom Verkehr. Auf dem Rückweg hatte ich einen schönen Blick auf den zentralen Müllberg, der neben unserem Hotel lag und wo ab und an ein lustiges Plastikfeuerchen loderte. Abends gab es in unserem Hotel zünftige englische Schlagermusik aus den 60er und 70er Jahren, passend zur Hauptklientel, mit der wir uns am Frühstücksbüffet gut verstanden. Nur an zwei Tagen wurde es eng, als sich plötzlich 100 maltesische Pfadpfindermädchen im Hotel einquartierten und sich an den Essentheken so ganz unbritisch benahmen…

 

Am Vortag des Wettkampfes holten sich alle Läufer ihre Startunterlagen in der maltesischen BMW-Zentrale ab, dem Hauptsponsor der Veranstaltung. Zwischen 1ern, 3ern und X5ern bildeten sich lange Schlangen vor der Startnummernausgabe, und es dauerte fast einen Halbmarathon, bis ich die Unterlagen samt Chip empfangen hatte. Hier gab es dann auch einen Stand mit Memorabilia, unter anderem einen Gegenstand der sich „bean“ nannte, aber im Prinzip eine Wollmütze mit fetter „BMW Malta Marathon“-Aufschrift darstellte. Ich holte mir die Mütze, denn nur so konnten ja andere Läufer zuhause auf den vereisten Waldwegen erkennen, was für ein toller Abenteurer da gerade an ihnen vorbeijoggt.

Anschließend zurück im Hotel bereitete ich mich auf den Lauf gewissenhaft vor, indem ich die allabendliche Halbkaraffe Rotwein diesmal sausen lies, in der Hoffnung hierdurch am folgenden Tag auf der Marathonstrecke ein paar Sekunden zu gewinnen. Desweiteren schrieb ich mir mit Kugelschreiber meine angepeilten Zwischenzeiten auf den Arm. Knapp unter drei Stunden wären eine reelle Zielzeit bei diesem Trainingszustand. Leider hatte ich aber meine tolle Sportuhr zuhause in der Einpackhektik liegen lassen. Kurz vor Ladenschluß erstand ich aus dem Hotelshop noch eine Taucherplastikuhr. Denn so ganz ohne Zeitorientierung macht ein Marathon ja nun wirklich keinen Spass.

 

 

"Clapham Junction": Karrenspuren aus der Bronzezeit

Der Marathontag brach an. Ich hatte während des Abendessens am Vortag ein paar Scheiben Weissbrot sowie eine Banane unterm T-Shirt herausgeschmuggelt. Dies sollte nun mein Läuferfrühstück werden. Im Mietwagen ging es 10 km hoch auf einen Hügel zum Startpunkt im historischen Medina. Das Startbanner wurde gerade erst aufgebaut, die Läuferbusse aus der Touristenhochburg Sliema waren noch nicht eingetroffen. Es herrschte noch frühsonntägliche Ruhe vor dem Marathonsturm. Ich vertrat mir die Beine in der beeindruckenden Johanniter-Altstadt. Als ich zurückkehrte, wuselten die Läuferscharen bereits über den Platz. Den belauschten Sprachenfetzen zufolge, stammten die Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern. Die reiselustigen Deutschen erschienen mir jedoch besonders zahlreich. Sehr viele deutsche Laufreiseveranstalter haben Malta im Programm, z.B. Grosse-Coosmann, Kreienbaum, Bunert. Aber auch zwei Kenianer und ein Burundianer wärmten sich auf, gab es doch dank BMW ein paar Euros für Siege und Zeiten zu gewinnen. Bereits um halb acht strahlte die Sonne munter vom Himmel. Einige Läufer hatten sich Müllsackleibchen geschnitzt, die sich aber wegen der frühen Wärme recht schnell als überflüssig herausstellten.

Eine Blaskapelle spielte auf und der Race Director warnte vor rutschigen Straßenabschnitten sowie einigen Nebelbänken auf der Strecke. Zudem bat er die Läufer, auf den Straßenverkehr zu achten, denn die Strecke sei an einigen Stellen nicht ganz abgesperrt. Und das war sie in der Tat nicht, und das nicht nur an einigen Stellen.

 

Dann ging es los. Die ersten Kilometer ging es von Medina durch die schmalen Gassen der Zwillingsstadt Rabat. Am westlichen Ortsrand ging es steil bergab und es ging entlang von Steinmäuerchen Richtung der 250 m hohen Dingli-Klippen. Noch rechtzeitig davor machte die Strecke eine Kurve und führte zurück Richtung Medina/Rabat. So kreisten wir die gesamte erste Rennhälfte wie Katzen um den heißen Brei, bis es dann bei km 25 endlich bergab Richtung Meer und der Hauptstadt Valetta ging. Die Ostafrikaner und ein paar schnelle Malteser, die ich zunächst fälschlicherweise als Italiener misinterpretiert hatte, lies ich vernünftigerweise gleich wegziehen. Der Kenianer Joshua Kipchumba sollte am Ende mit Streckenrekordzeit von 1:18:38 gewinnen. Auch der schnellste Malteser, Jonathan Balzan, lief mit 1:26:27 eine tolle Zeit. Ich selber lief während der ersten Rennhälfte in einer Dreiergruppe mit zwei anderen Maltesern, die sich offenbar extra für den Marathon vorher kahlgeschoren hatten. Die beiden Jungs hatten eine effektive Fahrradbegleitung dabei, die sie bestens mit isotonischen Getränken und Kohlenhydratgels versorgte. Die offiziellen Getränkestellen bis km 25 hatten leider nur Wasser auf Lager. Nächstesmal werde ich mir auch ein paar Gels einpacken…

 

 

Azur Window auf der Nachbarinsel Gozo

Wir kamen zügig voran. Mitgerissen von den Maltesern, verlor ich meine geplanten Zwischenzeiten gänzlich aus den Augen und war bei Marathonmitte schon eine viertel Stunde zu schnell. Wie zu erwarten, ging dann ab km 25 leider langsam mein Sprit aus, und ich ließ die beiden ziehen. Das Begleitfahrrad kam noch ab und zu vorbei um nach dem rechten zu schauen, sonst war ich bis zum Ziel alleine. Nein, alleine ist nicht ganz richtig. Besonders im Bereich km 25-35 mußten sich die Läufer die Strasse mit dem Autoverkehr teilen. Abgesperrt war hier fast nichts, und mir zischten die Wagen dicht am rechten Knöchel vorbei, einer nach dem anderen. Die meisten der Autofahrer hatten gar nicht mitbekommen, dass hier gerade ein Marathonlauf auf ihrer „Autobahn“ abgehalten wird. Für mich war dies eine neue Erfahrung. Noch nie zuvor hatte ich während eines Laufes so mit dem Straßenverkehr zu tun. Ab Valetta ging es weiter auf solchen Strecken, nun hatte man aber dankenswerterweise einen Fahrstreifen extra für uns Läufer abegetrennt, so dass es nun auf diesem letzten Stück wieder sicherer war. Der Großteil der zweiten Marathonhälfte ging bergab. Die Muskeln hatten kräftig Dämpfungsarbeit zu leisten. Auch drei Tage nach dem Lauf konnte ich vor lauter Muskelkater kaum einen Schritt tun. Wenige Kilometer vor dem Ziel galt es noch zwei knackige Anstiege zu bewältigen. Sonst wär es ja auch zu einfach. Das letzte Stück führte direkt am Meer entlang. Das Ziel vor Augen, lief es sich nun fast beschwingt. Ein stechender Knieschmerz aus dem Nichts ließ mich kurz anhalten - löste sich dann aber ziemlich schnell auch wieder in Nichst auf. Zuschauer gab es bis hierhin nicht an der Strecke. Kurz vor dem Ziel wurde nun aber die Unterstützung lauter. Die letzten Meter, und dann war es geschafft. Am Ende gab es mit 2:46 einen elften Platz, hinter den drei Ostafrikanern und sieben flotten Maltesern.

 

Der BMW Malta Marathon und Halbmarathon ist ein ganz spezieller Lauf, der professionell von den maltesischen Gastgebern ausgerichtet wird. Wer Malta noch nicht kennt, dem sei der Lauf im wahrsten Sinne des Wortes „wärmstens“ empfohlen. Der sonnige Abstecher in den Frühling bringt eine willkomene Abwechslung in den winterlichen Trainingsalltag. Bestzeiten sollte man hier wohl nicht anstreben, insbesondere weil die Zeiten wegen der großen Start/Ziel-Höhendifferenz möglicherweise nicht bestenlistenreif sind. Lauf-Sammler können den Malta Marathon aber natürlich für die Inselläufer- und Länderläuferrangliste werten lassen (www.insellaeufer.de und www.laenderlaeufer.de). Neben dem Lauf bietet Malta eine Vielzahl von historischen Besichtigungsmöglichkeiten, was einen aktiven, einwöchigen Aufenthalt gut ausfüllt. Durch die hohe Bevölkerungs- und Bebauungsdichte ist auf Malta jedoch leider nicht viel ursprüngliche Natur erhalten geblieben. Wander- und Trainingslaufmöglichkeiten sind arg eingeschrängt. Auch der abschnittsweise Straßenverkehr auf der Marathonstrecke ist gewöhnungsbedürftig. Unterm Strich kommt trotzdem ein sehr positiver Gesamteindruck heraus. Falls also der Winter 2009 wieder einmal nicht enden will, dann auf nach Malta!

Der Autor im Ziel des BMW Malta Marathons 2008. Das Photo wurde von LG Bremen-Nord Clubkamerad Peter Springborn gemacht, der eine 50-köpfige Läufergruppe für den Laufreiseveranstalter Grosse-Coosmann geleitet hat. Danke Peter!

 

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